„Alzheimer und wir – Meine Mama, der Alzheimer und meine Kinder“

Mit ihrem Blog gibt Journalistin Peggy Elfmann Einblick in das Leben mit Demenz und schöne Momente

„Wir müssen reden!“ heißt das Motto des Welt-Alzheimer-Tags 2020. Genau das macht die Journalistin Peggy Elfmann in ihrem Blog „Alzheimer und wir“. Seit 2019 schreibt sie über das Leben mit ihrer an Alzheimer erkrankten Mutter. Einfühlsam und lebensnah wirbt sie damit für einen verständnisvollen Umgang mit demenziell veränderten Menschen und zeigt, dass man trotz Alzheimer viele schöne Momente miteinander teilen kann. Für ihren Blog wurde sie im März 2020 mit dem Social Media-Preis „Golden Blogger“ ausgezeichnet und war für den Grimme Online Award nominiert.

„Ich habe mich mit der Erkrankung meiner Mama lange sehr einsam gefühlt“, erzählt Peggy Elfmann zur Entstehungsgeschichte ihres Blogs. Vor neun Jahren hatte ihre damals 55 Jahre alte Mutter die Diagnose Alzheimer erhalten. Für die Familie war es ein Schock. Ihre Mutter hatte Auffälligkeiten gezeigt, in der Konzentration, bei der Orientierung und bei komplexen Aufgaben. Deswegen war sie für drei Tage zur Untersuchung in einer Klinik. „Dass es Alzheimer sein könnte, hatten wir nie in Erwägung gezogen“, sagt Elfmann.

In dieser Situation fehlte ihr der Austausch mit anderen. „In meinem direkten Umfeld kannte ich niemanden, der auch betroffen ist,“ sagt Peggy Elfmann. Irgendwann dachte sie, dass sie vielleicht selbst anfangen sollte, über Alzheimer zu schreiben. So entstand die Idee zum Blog. Der Name „Alzheimer und wir“ stand schnell fest. „Denn Alzheimer trifft ja nicht nur die Erkrankten, sondern das Umfeld ebenso“, so Elfmann.

Aus der Nähe und Ferne helfen

Die Erkrankung ihrer Mutter hat das Leben der Familie gründlich verändert. Als ehemalige Sportlehrerin war diese zwar körperlich fit und ging trotz Demenz noch joggen und wandern und unternahm lange Spaziergänge mit ihrem Ehemann. Vor drei, vier Jahren nahmen die Probleme jedoch stetig zu. „Sie wurde unruhig, war oft traurig, unsicher“, berichtet die Tochter. Irgendwann hörte ihre Mutter auf zu sprechen. Mittlerweile brauche sie viel Unterstützung und auch Pflege. Seit drei Jahren geht die demenzkranke Mutter zur Tagespflege. Sonst kümmert sich hauptsächlich ihr Mann um sie. Wie viele erwachsene Kinder wohnen weder Peggy Elfmann noch ihr Bruder in der Nähe der Eltern. „Wir versuchen so gut es geht, aus der Ferne zu helfen, etwa Termine zu koordinieren, zu bestimmten Fragen zu recherchieren oder Hilfsangebote zu suchen“, erzählt sie. Beide fahren zudem häufig heim, um die Eltern zu unterstützen und Zeit mit ihrer Mutter zu verbringen.

Zeigen, dass es auch viele schöne Momente gibt

Logo Alzheimer und Wir

Mit ihrem Blog will Elfmann Einblicke in das Leben mit Alzheimer geben. „Es geht mir aber auch darum zu zeigen, dass Alzheimer nicht nur ein Schreckgespenst ist, sondern dass es auch noch viele schöne Momente gibt“, sagt die Journalistin. „Ich finde es wichtig, dass Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen ihre Stimmen erheben und berichten.“ Denn nur dann werde das Thema in der Öffentlichkeit bewusster. Den meisten fielen bei Alzheimer nur Pflegeheim und Vergessen ein. „Aber da ist noch viel mehr“, betont sie. „Ich wünsche mir, dass Alzheimer und Demenz nicht mehr für Angst und Panik sorgen, sondern dass es Menschen mit Demenz gut geht, dass sie viele Glücksmomente erleben und Unterstützung bekommen.“ Genau dazu will Elfmann mit ihrem Blog beitragen.

Mittlerweile schreibt sie regelmäßig und veröffentlicht mindestens einen Beitrag pro Woche im Blog und auf sozialen Medien wie Instagram und Facebook. Dabei wechselt sie die Themen ab, stellt Bücher vor oder führt Interviews mit Experten etwa zum Umgang mit Gefühlen oder zum Zähneputzen. Eine weitere Rubrik sind Briefe an ihre Mutter, in denen sie schreibt, was sie ihr gerne sagen würde. „Das Bloggen ist zwar ganz schön viel Arbeit, da ich das in meiner Freizeit mache“, erzählt sie. „Aber das Thema ist mir nun mal wichtig.“

Mit Kindern über Demenz reden

Besonders am Herzen liegt ihr, wie Kinder damit umgehen, wenn Oma oder Opa an Demenz erkranken, und wie sich Pflege und Familienleben vereinbaren lassen. „Denn auf der anderen Seite habe ich ja auch meine Kinder, für ich da sein möchte und die mich brauchen“, berichtet Elfmann. Da einen Weg zu finden, sei manchmal schwierig. Ihre drei eigenen Töchter gingen sehr liebevoll mit ihrer Oma um und wollten helfen. „Ich mache diesen Blog auch, um die Sichtweise der Kinder zu thematisieren“, erklärt sie. „Die ist manchmal ganz anders als die von uns Erwachsenen und macht mir oft Mut, dass wir an der Krankheit wachsen können.“

Ein typischer Dialog läuft etwa so ab:

Kind: „Was machst du da mit der Oma?
Ich: „Ihr die Haare waschen.“
Kind: „Aha. Warum?
Ich: „Weil sie das alleine nicht kann.
Kind: „Aha.“

Man dürfe und sollte Kinder ruhig mit einbeziehen, findet Elfmann, auch wenn es natürlich auch mal traurig oder verwirrend für sie sei. „Aber ich denke, dass Kinder dadurch viel fürs Leben lernen können.“ Wichtig seien jedoch Erwachsene, die den Kindern bei Fragen zur Seite stehen und sie mit ihren Gefühlen und Gedanken nicht allein lassen.

Angehörige können von Angehörigen oft am besten lernen

Zu ihrem Blog erhält Elfmann viele Rückmeldungen von Menschen mit Demenz und Angehörigen, die berichten, was die Erkrankung in ihrem Alltag bedeutet. Der Erfahrungsaustausch, davon ist sie überzeugt, sei wichtig, um sich gegenseitig zu unterstützen. Ihre Erfahrungen gibt sie daher gerne weiter und freut sich, wenn sie selbst Tipps erhält.

Im März hat Elfmann für „Alzheimer und wir“ den „Goldenen Blogger“ gewonnen, einen der wichtigsten Social-Media-Preise in Deutschland. Zudem war sie mit ihrem Blog dieses Jahr für den renommierten Grimme Online-Award nominiert. Die journalistischen Erfolge tun ihr gut. „Noch wichtiger ist mir aber, dass ich es damit geschafft habe, das sonst so schwere Thema Alzheimer und Demenz ein wenig in die Welt hinaus zu tragen.“


Peggy Elfmann
Peggy Elfmann (*1979) hat in Mainz Publizistik und Ethnologie studiert und währenddessen verschiedene journalistische Praktika absolviert und war mehrmals zur Feldforschung in Süd-Äthiopien. Nach dem Studium hat sie ein Volontariat beim Wort & Bild Verlag (Apotheken Umschau, Baby und Familie) gemacht und anschließend als Redakteurin bei Baby und Familie gearbeitet. Seit 2011 ist sie dort stellvertretende Chefredakteurin. Elfmann hat drei Töchter und lebt in München.
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